Godly Play – Ein neuer Zugang zur religiösen Bildung?
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Jerome W. Berryman – der "Erfinder"

Jerome W. Berryman begann seine theologische Ausbildung 1959 in Princeton. Heute ist er Pfarrer der Episcopalian Church. Außerdem studierte er Jura und ist Mitglied der Anwaltsvereinigung zum Familienrecht. Anfang der 70iger Jahre studierte Berryman am Zentrum für Montessori Studien in Bergamo, Italien (Abschluss 1972).

"Godly Play" ist die Umsetzung der "Katechese des guten Hirten" seiner Lehrerin, der Montessori Pädagogin Sofia Cavalotti. Berryman erprobte sein neues Konzept in mehr als zwei Jahrzehnten in der Arbeit in Kinderkrankenhäusern, mit Familien, im Gemeindedienst, in der Sonntagsschule und in christlichen Schulen. 1991 erschien die theoretische Grundlegung "Godly Play: A Way of Religious Education", (1995  neu veröffentlicht als Taschenbuch unter dem Titel “Godly Play: An Imaginative Approach to Religious Education”. Augsburg Fortress Publishers, über www.amazon.de 14,81€) ein auch für Laien sehr gut lesbares praktisches Handbuch, "Teaching Godly Play. The Sunday morning handbook" (Abingdon Press in Nashville, über www.amazon.de 15,80€). Berryman leitet das "Center for the Theology of Childhood" in der Christ Church Cathedral in Houston, Texas (http://www.godlyplay.net).

Nach Europa gelangte "Godly Play" durch den zunehmenden Einsatz in Großbritannien (Religionsunterricht und Gemeindekatechese). Eine Reihe von kirchlichen Mitarbeitern absolvierten Ausbildungen in Houston, darunter Rebecca Nye und Gill Ambrose. Rebecca Nye, von Hause aus Entwicklungspsychologin, promovierte mit einer empirischen Studie über die Spiritualität von Kindern. Darin gelang es ihr, den Nachweis zu führen, dass die Spiritualität von Kindern überaus reichhaltig ist und darin so individuell wie eine persönliche Unterschrift. Nye gehört heute zum Stab wissenschaftlicher Begleiter des "Center for the Theology of Childhood" und ist eine gefragte Referentin in der kirchlichen Arbeit mit Kindern verschiedener britischer Kirchen (Nye, Rebecca: The spirit of the child. Harper Collins, 1998. Vgl. Dies.: Spiritualität, Religion, Kinder. Beobachtungen aus englischer Perspektive. In: Christenlehre – Religionsunterricht – Praxis 55(2002), H.4, S.7-13. Im Heft 4/2003 wird voraussichtlich ein Beitrag von Nye über Godly Play erscheinen).

Insgesamt gesehen, kann "Godly Play" als eine didaktische Konkretion jenes religionspädagogischen Neuansatzes betrachtet werden, der in Deutschland derzeit unter dem Stichwort "Perspektivenwechsel" zusammengefasst wird.

Ziele

"Godly Play… ist ein Weg der religiösen Bildung für Kinder (und Erwachsene). Das Ziel von Godly Play ist es, Kinder im Alter von 2-12 Jahren die Kunst des Gebrauchs der Sprache der christlichen Tradition zu lehren, damit sie Gott begegnen und Richtung für ihr Leben finden können. Sechs Aufgaben helfen, dieses Ziel zu erreichen:

  1. Religiöse Bildung ist so zu gestalten, dass Kinder lernen, selbst in den Raum der religiösen Sprache einzutreten, anstatt religiöse Sprache bloß zu wiederholen oder über religiöse Dinge zu reden.
  2. Den Kindern ist zu zeigen, wie sie mit der Sprache der christlichen Tradition ihrem Leben kreativ Bedeutung geben können und wie dies sie zur Erfahrung des Schöpfers führen kann.
  3. Die Kinder sollen lernen, ihr eigenes Werk (ihre eigene Tätigkeit) auszuwählen, damit sie ihre existentiellen Grenzen und ihre tiefen Sehnsüchte miteinander konfrontieren können, statt an Problemen zu arbeiten, die ihnen von anderen (eingeschlossen die Erwachsenen) diktiert werden.
  4. Die für die religiöse Erziehung zur Verfügung stehende Zeit ist so zu organisieren, dass sie dem Muster des Gottesdienstes folgt,
  5. den die christliche Tradition als den besten Weg entdeckt hat, mit Gott in Gemeinschaft zu treten.
  6. Die Kinder sollen lernen, wie sie miteinander als Gemeinschaft arbeiten können, in der gegenseitige Unterstützung und der Respekt vor den Absichten des anderen stattfinden.
  7. Der Raum der religiösen Erziehung ist so zu organisieren, dass das ganze System der christlichen Sprache im Raum präsent ist, damit die Kinder im wörtlichen Sinn in den Bereich dieser Sprache einwandern, wenn sie den Raum betreten. Die Organisation des Raumes soll helfen, Verbindungen zwischen der Eigentätigkeit der Kinder, ihren Reaktionen und den Inhalten der jeweiligen Tageslektionen entstehen zu lassen." (Berryman, Teaching Goldly Play - Sunday morning handbook, S. 17, Übersetzung Jörg Schirr)

Religionspädagogisches Handlungskonzept

Die Aktivität der Lehrer/Katecheten konzentriert auf zwei Bereiche. Ein Bereich ist die

"gesprochene Botschaft" (spoken lesson), der andere die "unausgesprochene Botschaft" (unspoken lesson). Die gesprochene Botschaft verwickelt die Lehrer/Katecheten in das Staunen, Wundern, in den kreativen Prozess und in die Bereitschaft, die eigenen existentiellen Grenzen ins Bewusstsein zu nehmen. Existentielle Grenzen sind solche Teile des Lebens wie unsere Sehnsucht nach Sinn, unser persönliches Streben, die Bedrohung der Freiheit und unsere fundamentale Einsamkeit. Diese Grenzen definieren unsere Existenz. Kindern spüren, wenn Wunder und Staunen in der Luft liegen.

Wenn der Erzähler/die Erzählerin sich wundern und damit beschäftigt sind, neue und fundamentale Dinge über das Leben zu entdecken, beginnen die Kinder zu spielen. Spiel ist der natürliche Weg, mit dem Kinder lernen, Dinge zu tun, sei es der Gebrauch der Sprache oder das Schließen von Türen. Sie werden auch das ultimative Spiel spielen, das zum Wissen über die tiefen Dinge des Lebens hilft, wenn sie einen sicheren Ort vorfinden, angemessene Werkzeuge besitzen und beides, die Kompetenz wie die Erlaubnis, sie zu nutzen.

Die unausgesprochene Botschaft hat mit der Strukturierung von Zeit, der Art der Gemeinschaft der Kinder und dem Arrangement des Raumes zu tun. In Berrymans Buch ist das längste Kapitel über die unspoken lessons geschrieben! Weil so vieles indirekt beim Lehren und Lernen geschieht, ist auf die Sprache der Räume, der sozialen Beziehungen, des Umgangs mit Zeit und Dingen besonders zu achten.

Das Muster von Godly Play folgt dem Gottesdienst in seinem Gang vom Bereit - Werden, Hören auf das Wort Gottes, der Antwort, der Vorbereitung des Festes, dem gemeinsamen Fest, dem Empfang des Segens und dem Hinausgehen. Freilich ist Godly Play nicht die Feier der Eucharistie, aber es ist eine indirekte Vorbereitung auf diese Form von Kommunikation, die sehr real ist. Ihre Realität ruht in der unausgesprochenen aber implizierten Botschaft, die auf die Entdeckung durch die Kinder wartet.

Die Strukturierung der Gemeinschaft der Kinder hat mit Werten zu tun. Kinder brauchen die Möglichkeit, zwischen konstruktiven Alternativen wählen zu können. Dazu benötigen sie intensive Unterstützung.

Die Strukturierung der räumlichen Umgebung zeigt den Kindern wesentliche Teile des christlichen Sprachsystems wie "heilige Geschichten", Gleichnisse, liturgische Aktionen und Stille.

Konzeptionelle Aspekte von "Godly Play"

Zwei Personen als Leiter:

Zum Arrangement der religiösen Erziehung nach Godly Play gehören immer zwei Unterrichtende, die Erzählerin/ der Erzähler und die Türperson.

Die Türperson empfängt die Kinder und verabschiedet sie, verwaltet die Schwelle, kümmert sich um die Kinder in der kreativen Phase und hilft ihnen, das Fest vorzubereiten und zu feiern. Die Türperson verabschiedet die Kinder, nimmt Kontakt zu den Eltern auf und kümmert sich um die unruhigen Kinder, die nicht bereit sind, im Kreis zu hören oder kreativ zu arbeiten.

Die Erzählerin/ der Erzähler ist der jeweilige Lehrer der mit den Kindern im Kreis sitzt. Er oder sie sorgt dafür, dass den Kindern Inhalte (Geschichten, Gleichnisse, liturgische Aktionen) aus der christlichen Tradition vertraut werden. Er oder sie ist der "Anker" des Kreises und begrüßt und verabschiedet die Kinder im Kreis.

Beide (Türperson und Erzählerin) sorgen als Lehrende und Lernende dafür, dass Kinder Raum finden für ihre spirituelle Entwicklung. Er oder sie agieren so, dass die Initiative der Kinder weder aufgedrängt noch überstrapaziert wird. Dafür ist es wichtig, Respekt, Wärme, Offenheit, Großzügigkeit, Willen zur Zusammenarbeit, Selbstdisziplin und Neugier auf Entdeckungen auszustrahlen. Godly Play erfordert jeweils zwei Lehrer in einem Raum, eine Frau und einen Mann. Kinder brauchen es, Männer und Frauen in offenen, kreativen und sich gegenseitig unterstützenden und einander respektierenden Verhaltensweisen zu erleben. Türperson und Erzählerein ist absolut gleichberechtigt

Die übliche Veranstaltung hat vier Schritte, die in der Regel mindestens 6o Minuten Zeit erfordern. Sie beginnt mit dem Überschreiten der Schwelle in der Phase des Ankommens und Bereitwerdens. Der nächste Schritt ist die Zeit im Kreis. In ihr werden Geschichten erzählt, Gleichnisse, Liturgische Handlungen erschlossen oder Symbole eingebracht. Zur Kreiszeit gehört die Zeit des Staunens und Wunderns. In diesem Schritt findet dreidimensionales Erzählen statt: Mit ganz elementaren und sorgfältig ausgewählten Materialien lädt Godly Play die ZuhörerInnen ein, in die Geschichten einzusteigen und sie gleichsam in ihren inneren Bestandteilen zu "entdecken" (Fragende Erzähltechnik: "I wonder, what this could be…").

Der dritte Schritt ist die Ermöglichung der Reaktion der Kinder auf das Erlebte mit kreativer Tätigkeit. Die Kinder wählen selber aus, mit welchem Medium, welcher Kunsttechnik oder Gestaltungsform sie die Auseinandersetzung mit der religiösen Sprache beginnen wollen. Vorgefertigte Basteleien oder identische Arbeitsblätter gehören nicht dazu. Nach der Zeit der Tätigkeit folgt die Vorbereitung des Festes und die Feier des Festes wieder im Kreis.

Die Kinder werden angehalten, Verantwortung wahrzunehmen und sowohl, die Materialien für die kreative Tätigkeit, wie die Reste des Festes selbständig aufzuräumen.

Die Einrichtung des Raumes ist ein sehr wesentlicher Punkt für die Bedürfnisse von Kindern. Kleine Kinder benötigen angemessenes Mobiliar, sie wollen nicht Zeit verschwenden, um sich an die Sitzmöbel der Erwachsenen zu gewöhnen. Es ist unbedingt notwendig, dass die Räume gut gepflegt sind. Kinder lernen von der Art des sie empfangenden Raumes, dass sie und was in diesen Räumen geschieht von den Erwachsenen Wertschätzung erfahren. Pflanzen und wenn möglich auch Tiere bringen Leben in den Raum des Lernens und helfen, dass Kinder die Gelegenheit erhalten Verantwortung für Lebendiges zu übernehmen. Je älter die Kinder werden, umso wichtiger wird es die umgebenden Räume kennen zu lernen durch Exkursionen in die Nachbarschaft.

Freiheit ist ein oft missverstandenes Konzept in der Montessoripädagogik. Es geht darum Kindern zu helfen, konstruktive Entscheidungen zu treffen. Freiheit ist die Fähigkeit, zu wissen, wer du bist, wohin du gehst und dann eine gute Wahl zu treffen, wie du dahin kommen kannst. Kinder brauchen eine konstruktive Selbstlenkung. Je mehr sie davon erwerben, umso geringer sind die notwendigen äußeren Grenzsetzungen. Wenn Kinder eine geringe oder gar keine Selbstlenkung haben, benötigen sie sorgfältig geplante Alternativvorschläge. Und manchmal wird es nur die eine Wahl geben :"Geh und versuch es mit dieser Arbeit!"

Indirekt lehren (und lernen) geschieht auf zwei Wegen. Zunächst ist dies ein lehren, das die Kunst etwas zu entdecken lehrt. Der Schwerpunkt liegt auf den Werkzeugen, die helfen ein sinnvolles Ergebnis zu erreichen, nicht das direkte lehren des Ergebnisses ohne den Prozess des Entdeckens und Fragens.

Zum zweiten meint indirektes lehren, dass das Umfeld der Kinder und die Gemeinschaft der Kinder in das Lernen eingeschlossen sind. Man kann etwas lernen "durch" die Art in der das Klassenzimmer eingerichtet ist und "durch" die Art wie die Kinder im Verband der Gemeinschaft als Gruppe behandelt werden

Das offene Klassenzimmer steht für eine Erziehung die in mindestens zweierlei Weise "offen" ist. Erstens ist der Zugang zu allen Materialien offen. Zweitens können die Kinder selber auswählen, welche Mittel und welche Route sie anwenden wollen, um die akzeptierten Lernziele zu erreichen. Das Ziel ist für die gesamte Gruppe das gleiche, aber der Weg, dahin zu gelangen ist offen. Dies ist besonders für den 3. Schritt innerhalb eines Tagesprogramms, das kreative Gestalten, wichtig. Hier entscheiden die Kinder, welchen Gedanken aus dem Inhalt des Tages sie aufgreifen und mit welchen Materialien und Techniken sie dies realisieren wollen. Die Ergebnisse der Arbeit werden sorgfältig aufgehoben, damit die Kinder, wenn sie es wünschen daran weiterarbeiten. Berryman berichtet von zwei Jungen, die über einen Zeitraum von 12 Wochen immer wieder am Gleichnis vom Senfkorn weitergearbeitet haben.

Religiöse Sprache leistet etwas für uns, das keine andere Art von Kommunikation tun kann. Wie die Sprachen der Ethik, des Rechts, der Medizin und der Kunst ihre spezielle Aufgabe haben, hat auch die religiöse Sprache ihre besondere Aufgabe. Sie hilft uns das "große Bild" in den Blick zu nehmen. Das große Bild ist gerahmt durch die Grenzen, die unsere Beschränkungen bezeichnen. Wir kommen allein in das Leben und müssen unseren eigenen Ausgang aus dem leben finden. Kinder haben für diese existentiellen Grenzen ein sehr waches Wahrnehmungsvermögen und sie suchen nach den sprachlichen Werkzeugen, die ihnen helfen eine Leben zu organisieren, das solchen letzten Grenzen standhält. Religiöse Sprache ist ein Werkzeug, mit dem die Kinder ihre letzten und tiefsten Anliegen benennen, bewerten und ausdrücken können. Das christliche Sprachsystem ist das System religiöser Sprache, das uns am besten vertraut ist, von dessen Kraft wir überzeugt sind, dennoch können andere religiöse Traditionen ähnliches leisten.

Adressaten Godly Play richtet sich an Kinder von 2-12 Jahren und Eltern genauso wie an Theologiestudenten und ihre Professoren. Oft unterschätzen Autoren von Religionsbüchern, was Lehrer und Eltern über religiöse Erziehung wissen wollen. Und sie überschätzen die Erfahrung, die Professoren mit Kindern haben. Dies Buch und diese Theorie tränkt die Theorie der Professoren mit der Erfahrung der Lehrer und Eltern zum Nutzen beider.

Dr. Jörg Schirr, Bildungswerk der Evang. Kirche in Berlin-Brandenburg

Prof. Dr. Martin Steinhäuser, Evangelische Fachhochschule Moritzburg, Sachsen